Absturz mit Ansage | Wie Rassismus krank macht | Brüche. Ein ostdeutsches Leben

Harald Welzer (2015)
F-35 Absturz mit Ansage

Pierre-Alain Fridez: F-35 – Absturz mit Ansage. Ein staatspolitischer Skandal

Rotpunktverlag, 160 Seiten, aus dem Französischen von Peter Hug, erschienen 15.10.2025

Wenn eine Verteidigungsministerin überstürzt zurücktritt und gleich mehrere hochrangige Militärs und Beamte in kurzer Folge das Handtuch werfen, dann liegt in der Schweizer Sicherheitspolitik einiges im Argen. Genau hier setzt Pierre-Alain Fridez an, SP-Nationalrat aus dem Jura und seit Jahren profilierter Kritiker der F-35-Beschaffung. Sein Buch zieht die Parallele zum Mirage-Skandal der Sechzigerjahre und rollt akribisch auf, wie ein Vergabeverfahren, das dem Stimmvolk als wasserdicht verkauft wurde, sich als brüchiges Konstrukt entpuppt: ein Kampfjet, dessen Tarnkappenfähigkeit im Friedensbetrieb ohnehin deaktiviert werden muss, der für Luftpolizeidienst zu träge, dafür aber ungleich lauter ist als versprochen – und dessen Fixpreis sich als politisches Beruhigungsmärchen erweist.

Fridez schreibt nicht als neutraler Beobachter, sondern als jemand, der die Beschaffung seit Jahren parlamentarisch begleitet – das macht das Buch pointiert, aber auch angreifbar für den Vorwurf der Einseitigkeit. Wer eine ausgewogene Pro-und-Contra-Abwägung erwartet, wird enttäuscht; wer eine dicht recherchierte Anklageschrift sucht, bekommt sie geliefert, garniert mit dem zusätzlichen Zündstoff der unter Trump zunehmend unberechenbaren US-Rüstungsbeziehungen. Für Leser:innen mit Interesse an Sicherheitspolitik, Beschaffungswesen oder direkter Demokratie ein schmaler, aber schlagkräftiger Band – 160 Seiten, die es in sich haben.


Mahssa Behdjatpour: Du lachst ja gar nicht mehr. Wie Rassismus krank macht

Rotpunktverlag, erschienen September 2025, autoethnografischer Bericht

Der Titel stammt aus einer beiläufig geflüsterten Bemerkung von Behdjatpours Großmutter, die bei einem Besuch beobachtet, wie sehr sich die Tochter in Deutschland verändert hat. Aus diesem kleinen, fast privaten Moment entwickelt die 1992 in Hannover geborene Autorin – Kind iranischer Geflüchteter, promovierte Gesundheitswissenschaftlerin – ein Buch, das wissenschaftliche Forschung zu den gesundheitlichen Folgen von Rassismus mit der eigenen Biografie verschränkt. Ihre erste Berührung mit Rassismus habe bereits im Mutterleib stattgefunden, als ihre schwangere Mutter Nachrichtenbilder brennender Flüchtlingsheime sah.

Das Verfahren – autoethnografisch, also die eigene Erfahrung als Erkenntnisquelle nutzend – ist in der Wissenschaft nicht unumstritten, gibt dem Buch aber seine Kraft: Es bleibt nicht bei abstrakten Diskriminierungsstatistiken stehen, sondern zeigt an sehr konkreten Szenen aus Kindergarten, Schule und sozialem Brennpunkt in Hannover, wie diffus und zugleich real die psychische Belastung durch Ausgrenzung ist. Ergänzt wird das um die Rolle von Kunst als Empowerment- und Heilungsinstrument – ein Aspekt, der dem Buch über die reine Anklage hinaus eine konstruktive Note gibt. Viele Vorfälle sind 'kaum zu glauben' oder schlecht zu fassen, auch weil sie sich unter 'ganz normalen' Kommilitonen an der Leibniz-Uni in Hannover abgespielt haben sollen. Eine Perspektive, die man als 'Biodeutsche' kaum einnehmen kann, weil man sie nie selbst erlebt.

Kritisch anzumerken wäre, dass der Sprung zwischen persönlicher Erzählung und wissenschaftlichem Diskurs nicht immer nahtlos gelingt und manche Kapitel eher assoziativ als stringent aufgebaut sind. Wer aber ein Buch sucht, das Rassismus nicht nur als gesellschaftliches, sondern explizit als gesundheitliches Problem verhandelt, findet hier einen seltenen, persönlich grundierten Debattenbeitrag – aktuell etwa auch Thema bei einer WDR5-Sendung, in der Behdjatpour den Schreibprozess selbst als heilsam beschreibt.


Wolfgang Engler: Brüche. Ein ostdeutsches Leben

Aufbau Verlag, 347 Seiten, 22 €, 2025

Wolfgang Engler hat sich über Jahrzehnte als der Soziologe etabliert, der die ostdeutsche Nachwende-Seelenlage wie kaum ein anderer analysiert hat – stets mit einem gewissen professoralen Abstand zum Gegenstand. Brüche bricht mit dieser Distanz: Ausgangspunkt ist eine handfeste persönliche Krise während der ersten Corona-Welle, die in Schlafstörungen und einer ausgewachsenen Depression mündet und Engler zeitweise in eine psychiatrische Klinik führt. Von dort aus erzählt er rückblickend sein Leben – orientiert an Autoren wie Édouard Louis, Didier Eribon und Annie Ernaux, deren Schilderungen von Klassenwechsel und sozialem Umbruch ihm als Vorbild dienen.

Bemerkenswert ist die Offenheit, mit der Engler seine eigene Rolle im ersten Nachwendejahrzehnt hinterfragt: Er attestiert sich selbst, den soziologischen Debatten damals näher gestanden zu haben als den Sorgen der Mitbürger, und markiert die eigene berufliche „Freiheit“ nach der Wende als Kontrastfolie zur Massenarbeitslosigkeit, in die viele Ostdeutsche gestürzt wurden. Das ist selbstkritisch, ohne in Larmoyanz zu kippen, und wird gerade dadurch interessant, dass er die verbreitete Erzählung vom „verratenen Osten“ nicht kritiklos übernimmt, sondern komplizierter erzählt.

Formal ist das Buch, wie Rezensent:innen anmerken, spielerischer und weniger systemanalytisch als Englers frühere Arbeiten – ein Soziologe, der sich selbst zum Fallbeispiel macht, ohne die analytische Schärfe ganz aufzugeben. Für Leser:innen, die sich für ostdeutsche Biografien und die langen Nachwirkungen der Wende interessieren, dürfte das bislang persönlichste Buch Englers ein Schlüsseltext sein – auch weil es die Selbstrevision einfordert, die er in früheren Büchern eher von anderen verlangt hat als von sich selbst.
Journalistisch geprägt hingegen ist das Buch von Jana Hänsel, das den Titel "Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ trägt.

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