von Markus Golletz
Testbeginn BMW F 450 GS
Erster Test angekündigt: BMW F 450 GS Trophy – Die kleine GS mit großem Anspruch
Sie soll die A2-Klasse neu definieren: BMWs F 450 GS Trophy kommt mit einem frischen Zweizylinder, einer neuartigen Kupplung und dem Versprechen, echte GS-DNA auch unterhalb der großen Reiseenduros zu liefern. Wir haben uns das Datenblatt vorgeknöpft – und schauen hinter die Marketing-Fassade.
Von der EICMA auf den Prüfstand
Zur EICMA 2025 präsentierte BMW Motorrad die Serienversion der F 450 GS – als vollwertiges GS-Modell, das gezielt das wachsende Segment mittelgroßer Hubräume in der 48-PS-A2-Klasse adressiert. Aus dem Concept-Bike wurde innerhalb eines Jahres ein Serienprodukt, das BMW zufolge den „Benchmark für sportliche Adventure-Bikes“ in seiner Klasse setzen soll. Das klingt ambitioniert – und verdient eine nüchterne Einordnung.
Wir werden die Maschine in der Topausstattung GS Trophy testen, also in jenem Racingblue-Metallic-Kleid, das dem ursprünglichen Concept am nächsten kommt und die volle technische Bandbreite ausschöpft. Die Trophy-Variante ist das Flaggschiff des Lineups und bringt Sportfahrwerk, Aluminium-Motorschutz, getöntes Rallye-Windschild und als technisches Herzstück die neue Easy Ride Clutch (ERC) serienmäßig mit.
Der Motor: 420 cm³, 135 Grad und eine Kurbelwelle mit Charakter
Das Herzstück der F 450 GS ist ein komplett neu entwickelter Zweizylinder-Reihenmotor mit Kraftstoffeinspritzung und rechtsseitig verlegter Edelstahl-Abgasanlage. Die Leistung beträgt 35 kW (48 PS) bei 8.750 min⁻¹, das maximale Drehmoment liegt bei 43 Nm bei 6.750 min⁻¹. Was auf dem Papier unremarkabel klingt, birgt einen technischen Kniff: Der Motor verfügt über einen 135-Grad-Hubzapfenversatz der Kurbelwelle – ein Wert, der auf dem Motorradmarkt so bisher nicht existiert und gezielt für ein charaktervolles, vibrationsarmes Laufverhalten sorgen soll. Laufruhig und charakterstark. Ob der Motor diesen Spagat im Alltag tatsächlich einlöst, werden wir im Test prüfen.
Mit einem Verbrauch von lediglich 3,8 Litern auf 100 km und einem 14-Liter-Tank verspricht BMW eine theoretische Reichweite von über 350 Kilometern. Auf dem Papier ein guter Wert für ein A2-Motorrad. Das schaffte die BMW X-Challenge von 2007 übrigens auch schon. In der Praxis werden wir sehen, wie sich dieser Wert bei engagierter Fahrweise verändert.

Die Easy Ride Clutch: Innovation oder Gimmick?
Das technische Alleinstellungsmerkmal der Trophy-Variante ist zweifellos die Easy-Ride-Clutch (ERC). Ihr Herzstück ist eine präzise arbeitende Fliehkrafteinheit in der Kupplung, die das Einkuppeln drehzahlabhängig übernimmt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Fliehkraftkupplungen bleibt die ERC im Schubbetrieb geschlossen, sodass die Motorbremse bis kurz vor dem Stillstand vollständig erhalten bleibt – erst bei Erreichen der Leerlaufdrehzahl öffnet das System automatisch.
In Kombination mit dem BMW Quickshifter Pro entfällt damit die manuelle Kupplungsbetätigung vollständig – vom Anfahren über Gangwechsel bis hin zu anspruchsvollen Offroad-Manövern. Der Kupplungshebel bleibt jedoch am Lenker erhalten und ermöglicht jederzeit manuelle Eingriffe.
Das ist clever konstruiert und unterscheidet sich von einfachen Fliehkraftkupplungen älterer Bauart deutlich. Für den Offroad-Einsatz – und gerade für weniger erfahrene A2-Fahrer – könnte das ein echter Mehrwert sein. BMW nennt das System eine „Weiterentwicklung“ der Fliehkraftkupplung und setzt damit auf Vertrautheit statt technischer Hybris. Ob die ERC bei langem Schleichfahren im Gelände oder bei extremen Bergauf-Passagen wirklich so souverän agiert wie versprochen, steht auf unserem Testzettel ganz oben.
Fahrwerk: Leihgaben aus dem Rallyesport
Die Radführung vorn übernimmt eine KYB-Upside-down-Telegabel mit 43 mm Innenrohrdurchmesser, in der Trophy-Variante in Zug- und Druckstufe einstellbar. Hinten arbeitet eine Aluminium-Hohlguss-Zweiarmschwinge mit direkt angelenktem KYB-Zentralfederbein mit wegabhängiger Dämpfung. Letzteres ist ein System, das BMW aus dem Rallyesport ableitet: Bei kleinen Federwegen arbeitet die Dämpfung weich und komfortabel, bei großen Hüben – also bei hartem Gelände – wird sie progressiv fester. Das klingt nach echtem Ingenieursknow-how, nicht nach Marketingvokabular.
Die F 450 GS Trophy rollt serienmäßig auf den Reifendimensionen 100/90 – 19 vorn und 130/80 – 17 hinten. Das scheint für den kombinierten Straßen- und Geländebetrieb ein echter 50/50-Ansatz zu sein, macht die GS aber auch nicht zu einer Hardenduro. Die Kreuzspeichenräder sind bei BMW optional im Original-Zubehörprogramm zu finden.
Der eigens entwickelte Gitterrohr-Stahlrahmen integriert den Zweizylinder-Motor als mittragendes Element – eine bewährte Bauweise, die bei niedrigem Gewicht hohe Steifigkeit ermöglicht. Das fahrfertige Gewicht der Trophy liegt bei 178 kg. Das ist für eine vollausgestattete A2-Enduro mit TFT, Handprotektoren und Aluminium-Motorschutz anerkennenswert wenig.
Bremsen & Elektronik: Großes Kino für kleine Kubik
Am Vorderrad arbeitet eine schwimmend gelagerte Einzelscheibe mit Brembo-Vierkolben-Festsattel und 310 mm Durchmesser – serienmäßig mit ABS Pro (schräglagenabhängig), Dynamic Traction Control (DTC), Dynamic Brake Control (DBC) und Motorschleppmomentregelung (MSR). Die Trophy bringt darüber hinaus den Fahrmodus „Enduro Pro“ mit, der das ABS am Hinterrad deaktivieren lässt. Das 6,5-Zoll-TFT-Display mit Smartphone-Connectivity ist serienmäßig – inklusive Navigation per Pfeilanzeige und einem „Sport Screen“ mit Schräglagenanzeige.
Produktion: Made in Hosur/Indien
Hier ist Transparenz gefragt, denn BMW kommuniziert den Produktionsort nicht prominent im Pressetext. Die F 450 GS wird wie zuvor die G 310-Modelle beim indischen Partner TVS Motor Company in Hosur gefertigt. Von 2015 bis 2025 liefen dort bereits die G-310-Modelle vom Band – die Zusammenarbeit ist also erprobt.
TVS ist kein kleiner Zulieferer, sondern der drittgrößte Motorradhersteller Indiens mit über 60 Jahren Erfahrung. Für BMW ist die Produktion in Indien der Schlüssel zum Einstiegspreis von 7.220 Euro. Ohne diese Partnerschaft wäre das Preisschild bei einer Fertigung in Europa wohl kaum darstellbar.
Die Anfahrschwäche des 313cc-Motors ist bekannt. Wenn er den ersten Meter hinter sich gebracht hat, ist alles gut.
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Die G 310 GS hatte in frühen Produktionsjahren durchaus Qualitätsprobleme – von Vibrationen über elektronische Fehler bis zum Abwürg-Problem beim Anfahren. BMW betont, dass die Qualitätskontrolle für die F 450 GS verschärft wurde. Das bleibt zu prüfen. Wir werden im Langzeiteinsatz ein besonderes Augenmerk auf Verarbeitungsqualität und die Zuverlässigkeit der Elektronik legen.
Ehrliche Einschätzung: Was realistisch ist – und was nicht
BMW liefert hier ein technisch durchdachtes Paket, das für seine Klasse und seinen Preis beeindruckend vollständig wirkt. Die Kombination aus ERC, KYB-Sportfahrwerk, Brembo-Vierkolbenzange, schräglagenabhängigem ABS und 178 kg Gewicht ist in dieser Preisregion ohne direktes Vorbild.
Allerdings sind einige Versprechen mit Vorsicht zu genießen: 3,8 Liter Normverbrauch klingt bei einem sportlich abgestimmten Twin mit 8.750 Touren Nenndrehzahl optimistisch. Das versprochene „intuitive Fahrerlebnis vom ersten Meter an“ hängt stark von der tatsächlichen ERC-Abstimmung ab – Fliehkraftkupplungen können im Handling eigenwillig sein, wenn sie nicht perfekt kalibriert sind. Und das Thema Langlebigkeit einer Fliehkrafteinheit unter realen Offroad-Bedingungen ist schlicht noch unbeantwortet.
Positiv zu vermerken: Im Vergleich zum Concept hat BMW keine unrealistischen Gewichtsversprechen gemacht: 178 kg sind exakt die Zahl, die schon früh kommuniziert wurde. Das ist ein gutes Zeichen für solide Entwicklungsarbeit statt übertriebenem Marketing-Optimismus.
Unser Test der BMW F 450 GS Trophy folgt ab Mai 2026. Wir werden das Motorrad sowohl auf befestigten Straßen als auch im leichten Gelände bewegen – und euch ungeschminkt berichten, ob die neue kleine GS dem großen Namen gerecht wird.
Text: Redaktion Motorradreisefuehrer.de | Technische Basis: BMW-Pressemitteilung EICMA 2025
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