von Markus Golletz (Kommentare: 1)
Honda WN 7: Serienreife für Elektrobikes Made in Japan?
Hondas elektrischer Neustart
Honda bringt mit der neuen WN7 frischen Wind in die elektrische Motorradklasse. Das Naked Bike soll alltagstaugliche Elektromobilität mit dem für Honda typischen Anspruch an Qualität, Fahrbarkeit und Zuverlässigkeit verbinden. Nach Jahren, in denen Honda seine Elektro-Ambitionen fast ausschließlich auf kleine Stadtroller wie den EM1 e: und den CUV e: beschränkt hat, ist die WN7 der erste Versuch des größten Motorradherstellers der Welt, ein vollwertiges Elektromotorrad in Serie zu bringen. MR nimmt das Modell vor einem geplanten Fahrbericht schon einmal unter die Lupe: Was ist technisch bestätigt, was kostet der Einstieg, wie sieht es mit Service und Werkstattnetz aus – und wo sind noch Fragen offen?
Vom Concept-Bike zur Serienreife
Die Wurzeln der WN7 liegen im EV-FUN-Concept, das Honda auf der EICMA 2024 in Mailand zeigte. Ein Jahr später, am 4. November 2025, feierte die Serienversion auf derselben Messe ihre Weltpremiere – mit einem Design, das dem Showbike auffällig treu geblieben ist. Der Name selbst ist ein kleiner Steckbrief: Das „W“ verweist auf das intern verwendete Entwicklungsmotto „Be the Wind“, das „N“ steht für die Fahrzeugklasse Naked, die „7" ordnet das Modell in Hondas Leistungskategorien ein.

Projektleiter Masatsugu Tanaka bringt gut zwei Jahrzehnte Erfahrung mit Verbrennungsmotoren-Entwicklung mit und sieht genau darin die Grundlage für die WN7: Das über Jahrzehnte gesammelte Fahrwerks- und Antriebs-Know-how aus dem klassischen Motorradbau sei gezielt auf ein Elektromodell übertragen worden, mit dem Ziel, ein Fahrerlebnis zu schaffen, das sich nicht wie ein kompromissbehaftetes Alltags-EV anfühlt, sondern wie ein „richtiges“ Honda-Motorrad. Intern wird die WN7 offenbar auch als Lernprojekt verstanden – ein Testfeld, mit dem Honda Erfahrungen für ein breiteres Elektroportfolio sammeln will. Ob das gelingt, muss sich erst im Alltag zeigen; die reine Modellhistorie allein sagt darüber wenig aus.
Antrieb und Fahrleistungen: mehr Substanz, als die Zahlen vermuten lassen
Der Elektromotor sitzt nahe am Drehpunkt der Hinterradschwinge – eine Platzierung, die den Schwerpunkt tief hält und dem Fahrverhalten zugutekommen soll. Er ist flüssigkeitsgekühlt, was bei einem Motorrad dieser Leistungsklasse nicht selbstverständlich ist und auf thermische Reserven für sportlichere Nutzung hindeutet.
Ansprechverhalten eines 600-ccm-Motors das Drehmoment einer 1000er
Honda bietet die WN7 in zwei Leistungsstufen an:
- A2-Variante: 18 kW (rund 25 PS) Dauerleistung, kurzzeitig bis zu 50 kW (68 PS) Spitzenleistung
- A1-Variante: 11 kW (rund 15 PS) Dauerleistung, maximal 11,2 kW Spitzenleistung, auch mit B196-Führerschein fahrbar
Das maximale Drehmoment liegt bei 100 Nm, abrufbar bereits bei niedrigen Drehzahlen – ein prinzipbedingter Vorteil von Elektroantrieben. Honda selbst zieht den Vergleich zu Verbrennern: Das Ansprechverhalten soll dem eines 600-ccm-Motors entsprechen, das Drehmoment eher dem einer 1000er. Bei der A2-Version liegt die Höchstgeschwindigkeit bei 129 km/h, die Dauergeschwindigkeit bei 127 km/h.
Kette oder nicht? Klare Antwort: keine Kette. Die WN7 überträgt die Kraft über einen Zahnriemen ans Hinterrad – wartungsärmer als eine Kette, ohne das Schmutz- und Nachspannthema, dafür mit den bekannten Grenzen eines Riemenantriebs bei sehr hohen Belastungsspitzen. Für ein alltagsorientiertes Naked Bike mit moderater Leistung ist das eine nachvollziehbare, aber nicht überraschende Wahl – Riemenantriebe sind bei E-Motorrädern mittlerweile eher Standard als Ausnahme.
Das Gewicht gibt Honda mit 217 Kilogramm an – für ein Elektromotorrad mit fest verbautem Akku ein realistischer, aber kein spektakulär niedriger Wert.
Die Akku-Technik im Detail
Hier wird es technisch interessant, und hier unterscheidet sich die WN7 grundlegend von Hondas kleineren Elektro-Zweirädern: Während EM1 e: und CUV e: auf das austauschbare „Honda Mobile Power Pack e:“-System setzen, hat die WN7 einen fest verbauten Lithium-Ionen-Akku mit 349,44 Volt Spannung und rund 9,3 kWh Kapazität. Bemerkenswert ist die Bauweise: Die Leistungselektronik – also Stromverteilung und Steuerplatinen – ist direkt in das Batteriepaket integriert und sitzt zentral im Fahrzeug. Das spart Bauraum und Kabelwege, macht die Batterie im Reparaturfall aber vermutlich auch zu einer komplexeren, teureren Baugruppe als ein reiner Zellblock.
Geladen wird auf zwei Wegen:
- DC-Schnellladung (CCS2): 20 auf 80 Prozent in rund 30 Minuten
- AC-Laden (Wallbox/Haushaltssteckdose): vollständiger Ladezyklus unter drei Stunden
Die Reichweite wird nach WMTC-Norm mit bis zu 140 Kilometern angegeben, andere Herstellerangaben nennen konservativer „über 130 km“. Unter optimalen Bedingungen sollen die 30 Minuten Schnellladung rund 89 Kilometer Reichweite nachliefern. Realistisch dürfte der Alltagswert – wie bei praktisch jedem E-Fahrzeug – spürbar unter den WMTC-Angaben liegen, sobald Autobahntempo, Kälte oder Zuladung ins Spiel kommen. Das ist einer der Punkte, die der Fahrbericht klären muss: Reicht die Kapazität für mehr als Stadt- und Pendelstrecken, oder bleibt die WN7 trotz des Naked-Bike-Anspruchs ein Kurzstreckenfahrzeug?
Dass Honda beim großen Motorrad auf einen fixen statt eines Wechselakkus setzt, ist konsequent: Bei über 9 kWh wäre ein manuell tauschbares Pack kaum noch alltagstauglich handhabbar. Das bedeutet aber auch, dass WN7-Fahrer bei jeder Ladung an die Infrastruktur gebunden sind – anders als CUV-e:- oder EM1-e:-Nutzer, die Akkus einfach mit in die Wohnung nehmen können.

Ausstattung und Bedienkonzept
Zentrales Element ist ein 5-Zoll-TFT-Farbdisplay mit Optical-Bonding-Technologie, die Reflexionen reduzieren und die Ablesbarkeit bei Sonnenlicht verbessern soll. Honda RoadSync sorgt für Smartphone-Anbindung, dazu kommen eigene EV-spezifische Menüs sowie LED-Beleuchtung rundum. Das Design – unter anderem mit dem Red-Dot-Award ausgezeichnet – hält sich eng an das EV-FUN-Showbike, unterscheidet die WN7 optisch aber deutlich von Hondas klassischen Naked Bikes.
Preis und Verfügbarkeit
Der Einstiegspreis liegt bei rund 15.379 Euro UVP (inklusive Überführung) für die A2-Version – ein Preis, der die WN7 klar im Premiumsegment positioniert und über vielen vergleichbar leistungsstarken Verbrenner-Naked-Bikes liegt. Das dürfte für viele potenzielle Käufer die eigentliche Hürde sein, nicht die Reichweite.
Bei den Terminangaben gibt es in den bisherigen Berichten leichte Abweichungen, die sich im Projektverlauf offenbar mehrfach verschoben haben: Ursprünglich war von Serienproduktionsstart Ende 2025 und Marktstart in Europa Anfang 2026 die Rede, während andere Quellen die eigentliche Markteinführung erst auf Juni 2026 datieren. Bestellungen sind bei Honda-Händlern bereits möglich, erste Fahrberichte – etwa vom ADAC – liegen inzwischen vor, was dafürspricht, dass die ersten Fahrzeuge tatsächlich ausgeliefert werden beziehungsweise wurden. Für belastbare Angaben zum eigenen Liefertermin bleibt der Weg zum lokalen Honda-Händler derzeit zuverlässiger als pauschale Ankündigungen.
Service und Händlernetz: die eigentlich spannende Frage
Genau hier liegt der Unterschied zu Nischenanbietern wie Zero Motorcycles oder Energica, mit denen Honda die WN7 unweigerlich verglichen wird: Honda kann auf sein bestehendes, dichtes Händlernetz zurückgreifen, statt eine Service-Infrastruktur erst aufbauen zu müssen. Die WN7 läuft über den ganz normalen Honda-Motorradhandel – es gibt keine separate Elektro-Marke oder ein exklusives Händlernetz.
Offen ist allerdings, wie viele Betriebe bereits über die Hochvolt-Qualifikation verfügen, die für Arbeiten an einem 349-Volt-System zwingend nötig ist. Bislang war Honda-Elektrokompetenz vor allem bei den kleinen Rollern und E-Mofas gefragt, die mit deutlich niedrigeren Spannungen arbeiten. Die WN7 verlangt von den Werkstätten eine andere Kategorie an Schulung und Sicherheitsausrüstung. In der Praxis zeigt sich: Nicht jeder Honda-Händler bewirbt aktuell aktiv den WN7-Service, einige verweisen noch auf „Verfügbarkeit auf Anfrage“ bei Zubehör und Werkstattleistungen. Wer sich für die WN7 interessiert, sollte vor dem Kauf gezielt beim jeweiligen Händler nachfragen, ob die Hochvolt-Zertifizierung vor Ort bereits vorliegt – gerade außerhalb der Ballungsräume dürfte das Angebot am Anfang noch dünn sein.
Positiv für Käufer: Honda gewährt bis zu sechs Jahre Garantieverlängerung, sofern der Service fristgerecht bei einem autorisierten Honda-Händler erfolgt – dieselbe Regelung wie bei den Verbrennermodellen. Das ist ein handfester Vorteil gegenüber kleineren Elektro-Spezialisten, bei denen Garantie- und Ersatzteilfragen im Zweifel komplizierter sind.
Einordnung: Wettbewerb und offene Fragen
Mit der WN7 tritt Honda gegen Marken an, die im Elektro-Motorradsegment längst etabliert sind, allen voran Zero Motorcycles und Energica, die 2024 auch insolvent angeschlagen waren. Beide werben traditionell mit größerer Reichweite und höheren Spitzenleistungen. Honda setzt dagegen zunächst auf ein ausgewogeneres Verhältnis aus Gewicht, Leistung und – das ist die eigentliche Wette – auf ein Händler- und Servicenetz, das kein Nischenhersteller bieten kann.
Was MR im Test klärt
MR hat eine Honda WN7 (A2-Variante: 18 kW) angefragt und würde sie gerne ausführlich unter die Lupe nehmen: Wie überzeugend sind Antrieb, Reichweite und Ladepraxis im Alltag? Wie fährt sich das E-Motorrad auf Stadtstrecken, Landstraßen und längeren Etappen? Und kann Honda mit der WN7 eine echte Alternative für Motorradfahrer schaffen, die elektrisch unterwegs sein möchten, ohne auf Fahrspaß zu verzichten?
Im Test würden wir außerdem klären, wie gut Ergonomie, Verarbeitung, Ausstattung und digitale Funktionen gelungen sind – und für wen die Honda WN7 besonders interessant sein könnte.
Alle technischen Daten und Preisangaben basieren auf Herstellerangaben und Berichten von Fachmedien (Stand: September 2026) und können sich je nach Marktvariante und Auslieferungszeitpunkt unterscheiden. Für verbindliche Angaben zu Lieferzeit, Preis und Werkstattkapazitäten empfiehlt sich die Rückfrage beim lokalen Honda-Händler.
Kommentare
Kommentar von Henry |
Hallo, das wäre schön von euch zu lesen, wie man so ein Bike testet. Nach all den Insolvenzen von Energica oder Blacktea wäre es schön zu wissen, wie konsistent so eine elektrische Honda sein kann und ob sich schon jemand im Service damit auskennt. Am besten muss man gar nichts machen an so einem Bike, aber wenn es dann regelmäßig teuer wird in der Werkstatt, wäre das wieder nur etwas für Menschen mit Eigenheim und Solaranlage. Was meint ihr?
Henry
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