von Markus Golletz (Kommentare: 0)
Autoreisezug: zurück in die Zukunft?
Schlechte Prognose für klimafreundliches Reisen
Wer heute mit dem Motorrad im Zug durch Europa reisen will, findet nur noch einen kleinen Rest des einst dichten Autoreisezugnetzes vor. Großbritannien stellte seine Motorail-Verbindungen 1995 weitgehend ein. Frankreich beendete den nationalen SNCF-Auto-Train Ende 2019. Auch die Deutsche Bahn zog sich 2016 vollständig aus dem Autoreisezuggeschäft zurück. Die Gründe waren vor allem wirtschaftlicher Natur: Die Nachfrage war über Jahre deutlich zurückgegangen.
Damit ist die Ausgangslage für die heutigen Angebote klar. Von einer Rückkehr zum früheren europäischen Netz kann keine Rede sein. Gleichzeitig ist der Autoreisezug auch nicht verschwunden. Private Anbieter haben in Deutschland einen kleinen Markt stabilisiert und teilweise wieder ausgebaut.
Wer heute noch fährt
In Deutschland ist der Urlaubs-Express (UEX) 2026 der wichtigste Anbieter. Das Angebot umfasst im Sommer sechs Strecken: Hamburg–Innsbruck, Hamburg–Villach, Hamburg–München und Hamburg–Lörrach sowie Düsseldorf–Innsbruck und Düsseldorf–Villach. Damit sind gegenüber dem stark reduzierten Angebot der vergangenen Jahre wieder mehrere Verbindungen verfügbar.
Hinzu kommt der BTE AutoReiseZug zwischen Hamburg-Altona und Lörrach. Der BTE gehört zur RDC-Deutschland-Gruppe und fährt die Verbindung auch 2026 wieder. Die Behauptung, der BTE fahre mit Flixtrain-Lokomotiven, ist für das aktuelle Angebot nicht zutreffend. RDC weist den Zug als eigenes Angebot der BahnTouristikExpress GmbH aus.
Damit ist das deutsche Angebot zwar deutlich größer als ein bloßes Restnetz aus zwei Verbindungen. Es bleibt aber auf wenige Relationen konzentriert. Besonders auffällig ist, was fehlt: Eine direkte Verbindung von Deutschland nach Italien gibt es 2026 nicht. Die frühere Verbindung Hamburg–Verona wurde nicht wieder aufgenommen.
Die österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben sich dagegen aus dem deutschen Autoreisezugmarkt weitgehend zurückgezogen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die ÖBB den Autoreisezug insgesamt aufgegeben hätten. In Österreich bestehen weiterhin eigene Verbindungen, darunter Feldkirch–Wien, Feldkirch–Graz und Feldkirch–Villach. Hinzu kommt die internationale Verbindung Wien–Split. Die frühere Darstellung, die ÖBB hätten ihr gesamtes Autoreisezug-Engagement seit 2024 eingestellt, ist deshalb zu pauschal.
Auch Frankreich ist als direktes Ziel weggefallen. Seit Ende 2019 gibt es keinen nationalen SNCF-Auto-Train mehr. Wer mit Motorrad oder Auto aus Deutschland nach Frankreich möchte, kann beispielsweise den Zug bis Lörrach nutzen und von dort auf eigener Achse weiterfahren. Das ist allerdings kein Ersatz für eine direkte Autoreisezugverbindung.
Ein Sonderfall ist der Optima Express. Er verbindet Villach mit Edirne in der Türkei und gehört damit zu den wenigen verbliebenen internationalen Autoreisezügen mit wirklich großer Reichweite. Der Zug verkehrt auch 2026.
Der Sylt-Shuttle ist dagegen nicht mit dem klassischen Autoreisezug vergleichbar. Er dient der Inselversorgung und dem Fahrzeugtransport über den Hindenburgdamm. Eine touristische Nachtzugreise mit Fahrzeug findet hier nicht statt.
Rückgang in der Fläche, Konsolidierung im Kern
Wer beim Autoreisezug nach Wachstum oder Rückgang fragt, muss zwischen dem früheren europäischen Gesamtnetz und dem heutigen Angebot unterscheiden.
In der Fläche ist der Rückgang eindeutig. Verbindungen nach Frankreich, Italien, in die Niederlande und zu zahlreichen deutschen Terminals sind verschwunden. Auch innerhalb Deutschlands ist das Netz heute auf wenige Ausgangspunkte konzentriert. Ein flächendeckendes Angebot, bei dem Reisende ihr Fahrzeug an zahlreichen Bahnhöfen auf den Zug verladen konnten, existiert nicht mehr.
Innerhalb dieses stark geschrumpften Marktes gibt es allerdings eine andere Entwicklung. Der UEX ist seit Jahren aktiv und hat sein Angebot wieder ausgebaut. Das Unternehmen startete 2006 zunächst mit Sonderzügen und betreibt seit 2017 regelmäßige Autoreisezüge. 2026 läuft die zehnte Sommersaison des regulären Angebots.
Die Entwicklung ist deshalb widersprüchlich: Der Markt als Ganzes ist gegenüber der Zeit der Deutschen Bahn massiv kleiner geworden. Innerhalb dieses Restmarktes hat sich das Angebot privater Anbieter jedoch stabilisiert und teilweise erweitert.
Von einer Renaissance des Autoreisezugs zu sprechen, wäre deshalb zu weit gegriffen. Eine Renaissance würde eine Rückkehr zu einem wesentlich größeren Netz voraussetzen. Davon ist der Markt weit entfernt. Treffender ist die Beschreibung einer Stabilisierung auf deutlich niedrigerem Niveau.
Preise: Motorräder und Gespanne
Auch bei den Preisen hat sich der Markt verändert. Während bei der Deutschen Bahn noch feste beziehungsweise vergleichsweise übersichtliche Tarife üblich waren, arbeiten die heutigen Anbieter mit unterschiedlichen Preisstufen und einer auslastungsabhängigen Preisgestaltung.
Beim UEX werden beispielsweise Einstiegspreise ab 69 Euro beworben. Dieser Preis bezieht sich jedoch nicht pauschal auf eine komplette Motorradreise. Entscheidend sind Reisetermin, Auslastung, Personenzahl, Fahrzeug und gebuchte Komfortklasse. Ein Preisvergleich sollte deshalb immer eine konkrete Verbindung und ein konkretes Reisedatum zugrunde legen.
Für Motorradfahrer können sich insbesondere bei frühzeitiger Buchung deutliche Preisunterschiede ergeben. Wer terminlich flexibel ist, hat bessere Chancen auf günstige Kontingente. Eine pauschale Aussage wie „die Motorradmitnahme kostet rund 200 Euro“ ist dagegen nur als grober Richtwert sinnvoll.
Auch bei den Rabatten muss zwischen den Anbietern unterschieden werden. ADAC-Mitglieder erhalten beim UEX derzeit 10 Euro Rabatt pro Strecke und Buchung. Beim BTE beträgt der ADAC-Vorteil 15 Euro pro Strecke und Buchung. Der Rabatt hängt also nicht einfach von der Anzahl der mitreisenden Fahrzeuge ab.
Bei Gespannen gelten die jeweiligen Fahrzeugbedingungen des Anbieters. Beiwagenmotorräder werden nicht automatisch nach den Tarifen eines Solomotorrads behandelt. Entscheidend sind Fahrzeugtyp und Abmessungen. Gerade bei breiten Gespannen und Trikes sollten die zulässigen Maße vor der Buchung geprüft werden, statt sich auf pauschale Grenzwerte zu verlassen.
Ein Kostenfaktor wird bei Vergleichen häufig übersehen: Die Fahrzeuge können nur an den vorgesehenen Autoreisezug-Terminals verladen werden. Beim UEX sind das 2026 Hamburg-Altona, Düsseldorf, München, Lörrach, Innsbruck und Villach. Für Reisende aus anderen Regionen kommen deshalb zusätzliche Kilometer vor und nach der Zugfahrt hinzu.

Nostalgie: DB Autozug-Terminal bei der feierlichen Eröffnung 2008 in Alessandria
Was vom Autoreisezug geblieben ist
Der Blick zurück macht den Bedeutungsverlust deutlich. Die Deutsche Bahn hatte ihr Angebot bereits vor dem endgültigen Ausstieg Schritt für Schritt reduziert. Zahlreiche Verbindungen und Terminals verschwanden, bevor der DB-Autoreisezug 2016 endgültig eingestellt wurde (wenn man das Sylt-Shuttle mal außen vor lässt).
Auch in anderen europäischen Ländern setzte sich dieser Rückzug fort. Großbritannien beendete seine Motorail-Verbindungen 1995; die damalige Entscheidung wurde von British Rail aus wirtschaftlichen Gründen getroffen. Frankreich folgte später: Der nationale Auto-Train der SNCF wurde Ende 2019 eingestellt.
Heute existiert deshalb kein zusammenhängendes europäisches Autoreisezugnetz mehr. Stattdessen gibt es einzelne Angebote mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen und Zielgruppen. Für Motorradfahrer sind dabei vor allem die deutschen UEX- und BTE-Verbindungen sowie die österreichischen und internationalen Angebote interessant.
Fazit: Kein Comeback, aber auch kein Sterben
Der europäische Autoreisezugmarkt ist gegenüber seiner früheren Größe massiv geschrumpft. Länder und ganze Regionen, die einst mit dem Fahrzeug auf der Schiene erreichbar waren, sind heute nicht mehr direkt angebunden.
Gleichzeitig ist der Autoreisezug in Deutschland keineswegs verschwunden. Der UEX bietet 2026 sechs Sommerverbindungen an, der BTE fährt zwischen Hamburg und Lörrach. Dazu kommen die österreichischen Autoreisezüge und internationale Angebote wie der Optima Express.
Für Motorradfahrer bedeutet das: Die Alpen sind von Norddeutschland aus weiterhin gut mit dem Autoreisezug erreichbar. Frankreich und Italien lassen sich dagegen nicht mehr direkt von Deutschland aus anfahren. Wer den Zug nutzen möchte, muss zudem die begrenzte Zahl der Terminals und die teilweise erheblichen Preisunterschiede berücksichtigen.
Ein Comeback des klassischen europäischen Autoreisezugs ist daraus nicht abzuleiten. Aber ebenso wenig lässt sich von einem Auslaufmodell sprechen. Der Autoreisezug hat sich auf einen kleinen, spezialisierten Markt zurückgezogen – und dieser Markt scheint sich zumindest vorerst stabilisiert zu haben.
- Urlaubs-Express: Autoreisezüge 2026 – offizielle Streckenübersicht
- bahndampf.de: ÖBB Autoreisezug 2026
- bahndampf.de: Autozug Hamburg–München
- bahndampf.de: Motorrad im Autozug
- bahndampf.de: Urlaubs-Express Autozug – Preise & Buchung
- autoreisezug-planer.de: Übersicht 2026/27
- autoreisezug-planer.de: Verbindungen Deutschland
- nachtzug-planer.de: Autoreisezug als Nachtzug
- Tourenfahrer: Autoreisezüge in Europa
- MoHo: Motorrad im Autoreisezug
- Motorrad und Reisen: Strecken & Anbieter im Überblick
- wandernundmehr.at: Welche Autozüge fahren noch?
- Eigenes Archiv: Autoreisezüge 2017 bis 2025
Kommentare
Einen Kommentar schreiben